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Rede zur Eröffnung der Ausstellung "Terra inkognita - neue Arbeiten" in der Torhaus-Galerie, Göttingen, am 20. April 2018


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gabriele Schaffartzik,

auch ich freue mich, dass Sie heute hier sind, um diese wunderbare Ausstellung von Gabriele Schaffartzik und Alexander Lakhno zu genießen. Und es ist mir eine Ehre, diese Einführung für Dich, Gabriele, halten zu dürfen.

Wir sehen uns einer Auswahl von gut 20 Bildern aus der Serie „Terra Incognita“ gegenüber. Der lateinische Begriff „Terra Incognita“, also „unbekanntes Land“, bezeichnet kartographisch noch nicht erfasstes Gebiet. Wikipedia erklärt uns, dass „die Bezeichnung […] sich auf alten See- oder Landkarten jener Regionen findet, die noch unerforscht oder teilweise nur vermutetes Land waren. Auf vielen Karten wurden solche Gegenden mit Drachen oder anderen Fabelwesen ausgeschmückt.“
Versetzen wir uns nun in die Person eines neugierigen, aber weitestgehend unerfahrenen Ausstellungsbesuchers. Betrachten wir die Ausstellung durch seine Augen und nehmen teil an seinen Gedankengängen bei der Erforschung der Bilder. Der hätte nun einen ersten Anhaltspunkt und würde Ausschau halten nach Fabelwesen oder Drachen, die diese Bilder bevölkern. Tatsächlich findet er auf allen hier gezeigten Exponaten die Darstellung eines Tieres, aber keineswegs eines Fabelwesens, sondern von real existierenden Insekten, Echsen und heimischen Waldtieren.

Diese Tiere sind eingebettet in seltsame Landschaften, sie springen durch grünes Dickicht, schweben vor kargen Gebirgsketten und über Klöstern oder schieben sich durch heimische Gräser und vertraute Blütenrispen. In Teilen sind diese Tiere naturalistisch erfasst, und unser faszinierter Bildbetrachter kann detailgenau die Schuppen der Reptilien oder die Behaarung der Insektenkörper bestaunen. Allerdings verschwindet der Rest der Tierkörper oft im Nebulösen, Unscharfen oder wird verstellt durch seltsame Zeichen, Überlagerung oder Farbspuren.

Unser Bildbetrachter lässt nicht locker, er will es wissen und sieht sich eines der jüngsten Bilder dieser Ausstellung, den Leguan, genauer an. Der Leguan also schiebt sich in eine vielleicht mondbeschienene Landschaft. Der Himmel leuchtet geheimnisvoll rosa-violett, dichter Wald bildet die grüne Kulisse im Hintergrund, und rechts prangt eine Fingerhutstaude; die ebenso giftige wie wirksame Heilpflanze steht in voller Blüte. Alles wird überspannt von einer bunten Lichterkette. Die Verwirrung des Betrachters steigt. Was geht hier vor? Wie passt das zusammen? Zudem versucht er die Schriftzeichen zu entziffern und stößt schnell auf seine Grenzen – denn diese Schrift ist erfunden und damit nur ein gestalterisches Element ohne eigenen Inhalt. Und dann noch die Muster am unteren Bildrand: Das hingekrakelte Haus vom Nikolaus und blau skizzierte Granatäpfel. Unser Ausstellungsbesucher ist hin- und hergerissen zwischen dem Erkennen vertrauter Bildgegenstände und dem Unverständnis, was die Zusammenhänge angeht.
Gabriele Schaffartzik hat also ein Angebot gemacht und möchte anscheinend eine Geschichte erzählen, die der Betrachter aber rein rational nicht sofort verstehen kann. Helfen wir ihm also und stellen ihm eine Fachfrau an die Seite, eine Kunsthistorikerin, die sich kenntnisreich neben ihn stellt und seine Beobachtungen ergänzen kann.
Sie erkennt auf Anhieb, dass die naturalistische Darstellung und die surreal zusammengestellten Bildelemente eine Fährte sind, der der Betrachter willig folgt. Es gibt aber kein übergeordnetes, gültiges Erklärungsmuster für die einzelnen Figuren, auch keine übergeordnete Deutungsvorlage für die Bildhandlung. Damit sind Gabriele Schaffartziks Werke im höchsten Maße moderne Bilder, denn mit Beginn der künstlerischen Modernen entzieht der Künstler sich einem einheitlichen Dechiffrierungscode. Seine subjektive Wahrnehmung der Realität, seine persönlichen Empfindungen und Erfahrungen sind der Maßstab und gestalten das Bild, setzen Assoziationsketten bei dem Bildbetrachter frei.
Der fühlt sich einem Geheimnis auf der Spur: Was macht nachts dieser urzeitlich anmutende Leguan in dieser seltsamen Traumlandschaft? Und wo sind eigentlich die Menschen? Die brennende Lichterkette verweist doch ganz klar auf deren Existenz und die vielleicht nur kurze Abwesenheit des Gartenbesitzers.
Die Kunsthistorikerin, trainiert auf die Analyse von Bildaufbau und Symbolen, lenkt den Blick des Betrachters auf die formalen Zusammenhänge: Er ist der klassischen Leserichtung folgend über den Körper des Leguans als Bilddiagonale in das Bild geführt worden. Farblich korrespondieren die gekonnt akzentuierten Grüntöne des Tieres und die rötliche Zunge mit der Palette des Fingerhuts und mit dem rosafarbenen Himmel bzw. dem grünen Wald im Hintergrund. Diese Komplementärtöne bringen das Bild zusätzlich zum Leuchten und verdichten die atmosphärische Spannung.

Auf der Suche nach Symbolen wird die Kunsthistorikerin sofort fündig und verweist stolz auf den Granatapfel. „Der Granatapfel ist ein Symbol für Leben und Fruchtbarkeit, aber auch für Macht (…), Blut und Tod. In der christlichen Symbolsprache kann der Granatapfel für die Kirche als Ekklesia stehen, als Gemeinschaft der Gläubigen.“ Der Granatapfel in diesem Bild ist aber kaum mehr als eine vage Skizze und ergänzt die anderen graphische Elemente im Bild wie diese geheimnisvolle Schrift, das Nikolaushaus, das Muster am unteren Bildrand, die skizzenhafte Wiederholung des Fingerhuts am rechten und linken Bildrand.
Die rationale Kunsthistorikerin und der neugierige aber unerfahrene Bildbetrachter kommen so nicht weiter. Also tritt mit einer Künstlerin eine weitere Person auf den Plan und begleitet den Ausstellungsbesuch. Sie erkennt auf Anhieb den aus eigener Erfahrung mühsamen, oft langwierigen Gestaltungsprozess. „Ein Geben und ein Nehmen“, sagt Gabriele Schaffartzik selbst dazu. Einer ersten Bildidee und der Umsetzung folgt ein Schritt auf den anderen. In schichtweiser Überlagerung der ersten Skizzen, Ausmalungen, Übermalungen, Hervorhebungen und Verwerfungen entsteht ein komplexer Bildraum, in dem sich auch malerische und zeichnerische Elemente die Waage halten. Wo die reine Lust am Malen ein Element entstehen lässt, muss an anderer Stelle wieder reduziert werden.

Mit Kennerblick kann die Künstlerin die Kampfspuren dieses prozesshaften Malens in fast allen Bilder ausmachen: Sie sieht Reste von Skizzen, Verlaufspuren erster dünner Ölfarbaufträge oder noch gerade zu erkennende übermalte Bildelemente (zum Beispiel den Puppenkopf im 2. rechten Leguanbild).
Unsere mittlerweile dreiköpfige kleine Expertenabordnung sieht sich nun dieses zweite Leguanbild genauer an. Die Farbgebung korrespondiert mit dem 1. Bild, der Leguan betritt dieses Mal spiegelverkehrt von rechts den Bildraum, genauer gesagt schleicht er sich von rechts durch das spitze Dickicht von Sansevieria-Blättern und wird vermutlich gleich das Springkraut im Vordergrund niedertrampeln.

Die Sansevieria ist vielen vielleicht noch aus deutschen Wohnzimmern der 60er und 70er Jahre vertraut, ähnlich typisch wie der Gummibaum der 50er. Springkraut wiederum kennt man als die weit verbreitete Waldpflanze, deren Kapselfrüchte bei geringster Berührung die Samen weit herausschleudern. Sie gilt als Neophyt, also als Pflanze, die sich „ohne oder mit menschlicher Einflussnahme in einem Gebiet etabliert [hat], in dem sie zuvor nicht heimisch [war]“. Das Springkraut ist also eine Pflanze mit Migrationshintergrund und hat damit einen kuriosen und sehr aktuellen Bezug zu aktuellen politischen Debatten.

Unser Besuchertrio ist mittlerweile vollständig in den Bann gezogen, dreht sich um und studiert ein drittes, sehr großformatiges und auch erst in den letzten Wochen vollendetes Bild. Alle drei amüsieren sich über den kühnen Sprung des Wildschweins von rechts nach links über unbekannte grüne Tiefen. Der Kopf und obere Rumpf sind in schon bekannter Manier naturalistisch präzise gestaltet. Der hintere Teil des Körpers ist von einer grünen Zeichenspur umrissen und bricht mit der naturalistischen Darstellung. Das Haus vom Nikolaus, die rätselhafte Lichterkette, die Lilie als Repräsentantin der Blühpflanzen sind unseren drei Bildbetrachtern bereits vertraut.
Neu aber sind zwei einzelne Gestalten in den jeweiligen unteren Bildecken. Für den unbedarften Ausstellungsbesucher wird schnell klar, dass der auf seinem Pferd rasch herangaloppierende Reiter in orientalischem historischem Gewand mit seinem gespannten Bogen geradewegs zum tödlichen Schuss in die Leibunterseite des springenden Schweins ansetzt. Der in Umhang, langen Stiefeln und Hut gewandete Mann unten links dagegen erweckt ganz den Anschein, als sei er mit seinem Jagdvorhaben gescheitert und selbst Opfer des hauerbewehrten Tieres an seiner Seite geworden.

Diese beiden Jäger sind damit die Basis für die Dreieckskomposition, die für ein ausgewogenes Arrangement der Bildelemente sorgt (sagt die Kunsthistorikerin). Formal fallen sie aber durch den kleineren Maßstab, die monochrome Farbsetzung und die Stilisierung auf. Denn sie sind ebenso wie der Baum rechts tatsächlich ein Zitat aus jahrhundertealter französischer bzw. türkischer Miniaturmalerei und bringen damit eine weitere kunsthistorische und formal-ästhetische Ebene ins Spiel.
In einem Austausch der drei Perspektiven der Bildbetrachtung wird klar, dass es keine eindeutige restlose Übersetzung der Bilder geben kann und soll. Jedes einzelne Bildelement hat seinen Ursprung in träumerischen Assoziationsketten der Künstlerin, kein einziges aber erhebt den Anspruch auf eindeutigen Symbolwert für die gesamte Bildaussage. Gemeinsam müssen sie sich allerdings einem harmonischen Farb-, Form- und Stilklang unterwerfen.

Die formale Darstellungen der Landschaft sind der Ikonenmalerei oder der Miniaturmalerei entlehnt und ein symbolhafter Lebensraum für die Akteure im Bild, die Tiere. Die wiederum gestaltet Gabriele Schaffartzik mit Akribie und Hingabe partiell naturalistisch, nur um dann in graphische und abstrahierende Zeichensprache zu wechseln. Wenn man so will, ist ihre Kunst in den Ausdrucksmitteln ebenso vielsprachig wie sie selbst es ist. Und die Bildelemente sind ebenso von kultureller Diversität bestimmt, wie sie es auf ihren zahlreichen Symposien in der Türkei, im Kosovo, in Montenegro, Bosnien & Herzogowina, Serbien, in Litauen oder in Ägypten erlebt. Ihr Malprozess bewegt ist nicht stringent und zielorientiert, sondern intuitiv und suchend. Sie vereint ständig Gegensätze, indem sie Naturalismus und Abstraktion, Fremdes und Vertrautes, Traditionelles und Modernes nebeneinander stellt. Sie verwebt historische, ästhetische und kulturelle Ebenen zu einem Bildteppich und konstruiert damit eine malerische Mehrsprachigkeit, in der jeder etwas für sich finden kann. Der Betrachter darf sich eingeladen fühlen, sich in die geheimnisvollen Bildwelten auf Suche nach Unbekanntem zu begeben und könnte mit seinen Mitteln und seiner Sprache die Geheimnisse auf seine Art deuten.

Imke Weichert

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Rede zur Eröffnung der Ausstellung
Gabriele Schaffartzik Terra incognita, Rathaus-Galerie, Bad Harzburg, 18. Februar 2018.


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Rathaus-Galerie, liebe Gabriele Schaffartzik !

Terra incognita (lat. “unbekanntes Land “) ist ein (historischer) Begriff für Landmassen oder Gebiete, die seinerzeit noch nicht kartografiert oder beschrieben waren.
Die Bezeichnung findet sich auf alten See- oder Landkarten jener Regionen, die noch unerforscht oder teilweise nur vermutetes Land waren. Auf vielen Karten wurden solche Gegenden mit Drachen oder anderen Fabelwesen ausgeschmückt.

Das bedeutendste Gebiet der Terra incognita war die Terra Australis (incognita), eine große Landmasse auf der Südhalbkugel, die man im Altertum und Mittelalter als Gegengewicht zu den nördlichen Kontinenten postulierte. Der um 1600 von Seefahrern entdeckte Erdteil Australien erhielt so seinen Namen. Andere Teile erwiesen sich als nicht existent oder als Packeis bzw. Küstenabschnitte der Antarktis.

Clements Markham bezeichnete 1883 unbekanntes Gebiet als blank of the maps, das von Sven Hedin mit weiße Flecken ins Deutsche übertragen wurde.
Mit der zunehmenden Erforschung und Kartografierung der Erde verlor der Begriff seine Aktualität und wird überwiegend nur noch in historischem und übertragenem Sinne verwendet. Dabei wird übersehen, dass aber auch heute noch große Teile der Erde nahezu unerforscht sind.

Im übertragenen Sinne steht er auch heute noch für nicht erkundete bzw. erforschte Bereiche der Realität, von deren Existenz man zwar Kenntnis hat oder die man vermutet, aber noch nicht inhaltlich definieren kann. Im Deutschen spricht man auch von (wissenschaftlichem) Neuland.
Terra incognita – mit diesem Ausstellungstitel umschreibt Gabriele Schaffartzik das Neuland entstandener Exponate sowie die noch unbekannten Gebiete des Unterbewusstseins und der Fantasie, welche bei Bildfindungsprozessen immer eine Rolle spielen.
Ihre Bilder sind deshalb gleichnishaft Kartierungsergebnisse geistig-gedanklicher Exploration in die Welt bis dato neuer Gedanken, Gefühle und intuitiver Verknüpfungen.
Die umtriebige Künstlerin wurde 1964 in Bremen geboren, studierte nach ihrem Abitur an der Georg-August-Universitär in Göttingen, sodann in Krakau, Polen, an der Akademie der Schönen Künste.

Sie ist als Malerin Mitglied im Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler, Vorstandsmitglied auf Regionalebene sowie Initiatorin zahlreicher kultureller Initiativen, die sie auch in ihrer großen Zahl nationaler und internationaler Einzelausstellungen und Beteiligungen in verschiedenste Länder trägt.
Die Zahl ihrer Ausstellungen ist groß und vielfältig.
So nahm sie an verschiedensten Ausstellungsprojekten und Symposien in Deutschland, Italien, Ägypten, der Türkei, verschiedenen Balkan-Staaten, Litauen und Indien teil, schon deshalb könnte man sie fast als Sonderbotschafterin der Künste und als kulturelle Gastarbeiterin bezeichnen.
Angesichts heutiger Globalisierung und daraus resultierender standardisierender, gleichmacherischer Tendenzen ist Gabriele Schaffartzik eine geradezu idealtypische Künstlerpersönlichkeit, die mit Vielfalt dagegen arbeitet.
Sie zeigt in ihren Arbeiten, dass Kunst ist nicht eine wurzellose visuelle Kommunikation ist, sondern eine Vielzahl gewachsener und erhaltenswerter künstlerisch-kultureller Sprachen und Identitäten umfasst, die es kennen zu lernen und vor allem zu bewahren gilt.
In ihren Ölmalereien und Mischtechniken auf Leinwand, die größtenteils ein strenges Hochformat charakterisiert, baut die Malerin Gabriele Schaffartzik verschiedenste inhaltliche und formale Ebenen ein.

Geht man auf die Ikonografie ihrer Werke, d.h. auf Bestimmung und Deutung der Motive ein, fallen genaue, im Trompe l’oeil-Prinzip gestaltete Tierdarstellungen auf. Es sind beispielsweise Insekten (Fliegen, Bienen, Schmetterlinge), die vergrößert und übergenau dargestellt sind, so dass man an die Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian denken muss.

Übertragen gemeint geben sich Hase, Fuchs und Igel, Amsel, Fink und Star sowie Klein- und Großtiere des Waldes in den Arbeiten der Künstlerin ein bildnerisches Stelldichein. Sie alle symbolisieren Sinn, Schönheit, Vielfalt und Schutzwürdigkeit der Natur.
Und da sind die kryptischen Schriften, die wie Geheimschriften aus Fantasia der Entzifferung harren. Auch gibt es abstrakte Kürzel, kompositorische Brüche und Multiperspektiven, die nicht nur das Gefundene, sondern auch das Erfundene thematisieren.
Spätestens seit der Kunst der Klassischen Moderne wissen wir, dass Kunst nicht nur bloß Sichtbares zeigt, sondern auch Unsichtbares, die Welt der Emotionen, der Einfälle und Ideen. Biografisches vermischt sich mit Imaginiertem. Häufig tauchen in den Bildern Fragmente orthodoxer Ikonenmalerei auf - stilisierte Landschaften, Tiere, Goldgrund und Gotteshäuser - sicher dem Studium byzantinischer Kunstgeschichte geschuldet. Es mischen sich Gegenwart mit Vergangenheit, unterschiedlichste Kulturkreise mit Tradition und Aufbruch.
Wechsel und Wandel durchziehen ihre Bilder. Diese sind komplex und vielschichtig angelegt wie Webteppiche der Erinnerung an unterschiedlichste Kulturkreise, welche die Künstlerin auf ihren Reisen und Künstlerworkshops im Ausland erkundet und kennen gelernt hat, die sie stets aufs Neue faszinieren.
Es sind Bilder des Eintauchens in eine Welt unterschiedlichster kultureller Vorstellungen und Gegebenheiten, in eine für uns Terra incognita, die uns aber zunehmend vertraut erscheint, wenn wir uns vorurteilsfrei mit ihr und den Menschen befassen. Das ist ein vielschichtiger Erfahrungsprozess und ein Thema für sich.
Natürlich spielt Gabriele Schaffartzik auch mit unseren Erwartungen. Wohl nicht ohne Grund ist der röhrende Hirsch, dieses Symbol des Trivialen, in ihrer Malerei auch ein Motiv des Heimischen und Vertrauten für unsere Augen.
Die Künstlerin lockt uns mit visuellen Erwartungen, lässt uns dann in ihrem Bilderkosmos ins Labyrinth und über die Hürden ihrer Fantasie laufen, denn die Bilder sind keine bloß narrativ zu verstehenden Trivialmythen, sondern subtile Bildwelten ganz verschiedener visueller Erfahrungen.
Auf unterschiedlichste Weise laufen Landschaftliches, Architektonisches, Ausgearbeitetes und Angedeutetes zu einem vielfältigen Beziehungsgeflecht zwischen Mensch, den Dingen, der Zeit und dem Raum zusammen, ergeben mosaikhaft ein Kaleidoskop von Anmutungen, Beziehungen und Bedeutungen.
Das schmale Hochformat der Bilder betont Ausschnitthaftes. Das, was gezeigt wird, verweist gleichzeitig aber auch auf das, was nicht gezeigt wird und von uns Betrachtern ergänzt werden muss. Insofern befassen sich die Arbeiten nicht nur mit dem äußerlich Sichtbaren, sondern auch mit dem Nichtsichtbaren aber Fühlbaren, verweisen darin über das Format über sich selbst hinaus.
Diese feine Bedeutungsnuance zwischen Sichtbarkeit und Sehbarkeit und natürlich auch der Restanteil Bildgeheimnis, ergeben einen ästhetischen hortus deliciarum im Werk von Gabriele Schaffartzik.
Sehr geehrte Damen und Herren, werden Sie selbst zum Erkunder und Erforscher dieser Terra incognita und zwar ohne Wanderkarte, Kompass, Übersetzungshilfe oder beigefügter Gebrauchsanweisung! Dies gelingt immer mit einem offenen und fröhlichen Herzen.
Der Künstlerin wünsche ich viel Erfolg und Nachhaltigkeit bei ihrem Bad Harzburger Ausstellungsdebüt und Ihnen, verehrte Anwesende, eine ästhetische Genussreise durch die heutige Ausstellung.

Hans Manhart


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Zur Ausstellungseröffnung im Studio Wasserscheune
Gabriele Schaffartzik „Isimzis – Ohne Titel“


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Meine Damen und Herren,
liebe Freunde und Förderer des Studio Wasserscheune

Stellen Sie sich vor, Sie betrachten eine weiße Leinwand und wie da plötzlich ein Granatapfel über die Fläche kullert, zum Platzen gefüllt mit dem Fruchtfleisch und den Kernen, die sich jetzt einfach Luft verschaffen und ein buntes Chaos anrichten. Die Kerne haben genug Energie, um nun der Puppe einen Tritt zu verpassen, die offenbar auch in das Bild will und kopfüber abzustürzen droht, während sich die Streifen von Fruchtschalen nur so kringeln. Und dann scheint der ganze Spuk plötzlich vorbei, weil auf der Leinwand das wache Auge eines Vogelkopfes erscheint. Und wie er mit einem wilden Schwarm von roten Federn und diesem spitzen Schnabel so herrlich ungebändigt diese malerische Bühne von Gabriele Schaffartzik erobert. Doch noch während Sie dieses Schauspiel betrachten, setzt er bereits zum nächsten Flügelschlag an. Und dann kullern die Granatäpfel erneut ins Bild, auch die Schalenspuren und die Kerne, so als ob sie einfach vorübergehend unsichtbar sein mussten, obwohl sie für die Künstlerin die ganze Zeit präsent waren.

Ist es dieser ausspähende Vogelkopf, der jetzt auch noch Verzierungen und Ornamente anlockt, ein Labyrinth von Linien, Knochenreste, Spuren einer Schrift oder eine wölfische Visage? Oder sind es vielleicht doch die Früchte, die hier in eine assoziative Wildnis locken?

Meine Bildbeschreibung mag vielleicht ein bisschen bizzar klingen. Aber in den Bilderzählungen von Gabriele Schaffartzik muss ja keineswegs alles mit rechten Dingen zugehen und schon gar nicht plausibel. Ich finde, das macht sie für den Betrachter umso spannender, der sich schon bald in einem Sehabenteuer befindet und sich dabei als Spurensucher erleben kann: Wenn er in ihre Erzählungen hineinlauscht lauschen mag und in die Motive, die hier ein vieldeutiges Miteinander bilden, das auf der Leinwand Gestalt annimmt: Dramatisch und impulsiv anmutend und vielleicht sogar bizarr aber eben auch so schön uneindeutig. Und dann auch noch versehen mit einer Fülle scheinbar unscheinbarer Randnotizen, die ebenfalls ihre Zeit brauchen, bis sie sich sichtbar und lesbar in dieses Sehabenteuer einmischen.

Dass Gabriele Schaffartzik viel unterwegs war, auf Künstlersymposien und als „artist in residence“, haben Sie mit Sicherheit der Einladung entnommen. Heute betrachten wir das malerisches Reisegepäck, das sie aus Istanbul mitgebracht hat und aus der südtürkischen Stadt Urfa. Es sind allerdings keine unmittelbaren Reiseimpressionen, die Sie hier sehen sondern Fundstücke aus Gabriele Schaffartziks ganz persönlichem Erinnerungs- und Erfahrungsschatz, die an keinen Ort gebunden sind. Sie hat sie wie eine Archäologin betrachtet, die im malerischen Prozess immer wieder auf die verschiedensten Ablagerungen und deren assoziative Energie trifft, sie freilegt und bearbeitet. Manchmal dürfen sie dabei ausufern. Manchmal werden sie auch erneut überlagert oder sie bilden einen durchlässigen Bildraum mit einer scheinbar verblassenden Erinnerung, durch die bereits eine weitere Zeitspur hindurch schimmert.

Natürlich sind die Eindrücke und Beobachtungen aus Istanbul und Urfa dabei weiterhin präsent. Aber sie sind eben nur ein Element in diesen Bilderzählungen von Gabriele Schaffartzik, die Orient und Okzident in ihrem künstlerischen Kontext verwebt, kulturelle Traditionen und Zeitstimmungen, Architektur und Alltag, malerische Techniken und Ausdrucksformen. Sie erzählt von den Zeitspuren, die sich ständig verändern und immer wieder eine andere Gestalt annehmen können. Siie werden in Öl oder Acryl mitteilbar aber auch als Pastellreflex oder in einer Markierung mit Wachsmalkreide, die dann in eine der Erinnerungschiffren vordringt, die weiterhin einer tieferen Schicht verweilt; als ob sie sich den unruhigen Bildregionen auch nicht aufdrängen mag. Dort haben sich gerade andere Motive nachdrücklich stark gemacht: Wie etwa die Granatäpfel, die selbst als leuchtend rote Farbspuren noch die Idee des Fruchtkörpers behaupten und sich immer wieder in dieses tierische Schauspiel einmischen.

Der Vogel mit seinem prachtvollen Federkleid wollte der Künstlerin nach ihrem Aufenthalt in Urfa eine Zeit lang einfach nicht von der Seite weichen. Auch wenn sie sich gerade in ein Ornament vertieft hatte oder in ein Netz von Linien, die Silouette eines Körpers oder eine dieser Bruchkanten, wie aus Stein gehauen und gesplittert. Auch den umgekehrten Vorgang bearbeitete die Künstlerin, die nach dem Besuch einer Aufzuchtstation von Ibissen drei Skizzen entwarf, bis auf einmal weitere Motive wie von selbst einfach in den Bildraum wanderten, als hätten sie sich dafür geradewegs zusammengerottet.

So wild und abenteuerlich es hier in dieser Serie von Arbeiten im Erdgeschoss mitunter zugeht, Gabriele Schaffartzik weiß ihre assoziative Spurensuche auch zu bändigen. Mit der Struktur eines Gebäudes und seiner beschwingenden Architektur, in der die Bildelemente auch Räume und Nischen von Geborgenheit erfahren. Oder mit einem dunklen Hintergrund als Erdung für das Verwirrspiel der Motive und all die inspirierenden Unruheherde.

Wann war Ihnen das letzte Mal wirklich abenteuerlich zumute? Spüren Sie nicht manchmal auch diese Sehnsucht nach einer Wildnis, die nicht zu bändigen scheint, raus aus der oft auch erschöpfenden Ordnung der vertrauten Verhältnisse? Vielleicht auch ein bisschen Abenteuerlust oder pure Neugier? Sie müssen dabei nicht einmal wissen, wonach Sie sich eigentlich sehnen.

Es ist dieses immer wieder aufbrechen wollen, forschen, entdecken und aufrühren, das in den Arbeiten von Gabriele Schaffartzik ohne Vorbehalte daher kommt und Sie ermuntern möchte: Auch mit der Vorstellung, sich auf unbekanntem Gelände auch einfach mal zu verlieren, weil es vielleicht erst dann zu den Entdeckungen kommt, die nicht planbar oder vorhersagbar sind und auch deshalb von ganz besonderer Bedeutung. Vielleicht erstmal nur zum Staunen und dann umso mehr belebt von dem Wunsch, sich darin zu vertiefen.

Unter all den Farb- und Formbewegungen in dieser malerischen Choreographie mit alten, neuen und wiederkehrenden Motiven werden Sie auch kleine, feine Stiche entdecken. Vielleicht erst später, wenn Ihr ganz persönliches assoziatives Abenteuer beginnt. Dabei begegnen Sie den meditativen Momenten, die Gabriele Schaffartzik in ihre Bilderzählungen ebenfalls eingebettet hat. Sie arbeitet gern in Serien, um sich in die bewegten Bilder weiter zu vertiefen. Dazu gehört auch der Wunsch die Sprache der Farben und der Formen in Mustern, Ornamenten und Verwerfungen zu verfeinern; und sei es mit Nadel und Faden und diesen zarten Stichen, die nie bloße Verzierungen sind sondern ein Ausdruck des für sich seins, wo ein Erzählfaden aufgenommen wird, bei dem sich anders innehalten lässt, um bald mit einem neuen Blick in einem vielstimmigen Leinwandpanorama zu verweilen.

Wunderbar verweilen lässt sich auch in den beiden Serien von Gabriele Schaffartzik, denen Sie auf der Galerieetage und unter dem Dach der Wasserscheune begegnen. Hier könnte man von Reiseimpressionen sprechen und von einer architektonischen Spurensuche in Istanbul, mit dem byzantinischen Erbe der Stadt und mit dem moslemischen. Hier folgt die Künstlerin der Spur der Steine und ihrer Geschichte: Beim Anblick der Hagia Sofia, der Chora- und der Apostelkirche und weiteren sakralen Gebäuden. Auf der Leinwand bilden sie steinerne Collagen ohne die originären Silouetten der Gebäude, die man hier nicht einmal erahnen kann. Umso mehr bekommt man von der Patina zu spüren, die sich auf den massive Blöcken gebildet hat. Und vielleicht auch eine Vorstellung von den architektonischen Zumutungen und Eingriffen aus den Zeiten von Glaubenskriegen und Krisen, die sich hier wie Verwerfungen im Mauerbrocken und Splittern lesen lassen: So wehrhaft und störrisch und ganz anders als die Serie mit den Momentaufnahmen der Sulanahmet Moschee. Mit dem Blick auf ein Fenster und all die Licht und Schattenspiele, die darin flackern.

Gabriele Schaffartzik variiert das Motiv in sanften Farbstimmungen, einem zauberhaftem Blauschimmer und glutvoll wärmenden Brauntönen und wird dabei auch zur malenden Poetin. Mit Nadel und Faden in feinsten Stichen verwebt sie den Fensterblick mit zarten Chiffren von Worten und Klängen, die dieser Ort erlebt hat, damit auch wir in sie hineinlauschen. In dieser Stimmung geht es dann noch einmal wunderbar bergauf: In die Dachetage und eine köstliche Landschaft von Früchten. Genießen Sie die Granatäpfel wie „Die Sommerseligkeit“, den Titel, den Gabriele Schaffartzik dieser Serie gegeben hat. Lassen Sie sich von der Leichtigkeit berühren, mit der sich hier die Formen verspielt und beschwingt auflösen. Und wenn Sie sich dann wieder ins Erdgeschoss begeben und in die wilden Abenteuerregionen, werden Sie vielleicht auch darin für sich etwas von genau diesen magischen Momenten entdecken.

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit!

Tina Fibiger

Erbsen, 2. März 2015