Rede zur Eröffnung der Ausstellung:
Gabriele Schaffartzik - Terra incognita
Rathaus-Galerie, Bad Harzburg, 18. Februar 2018


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Rathaus-Galerie, liebe Gabriele Schaffartzik !
Terra incognita (lat. “unbekanntes Land “) ist ein (historischer) Begriff für Landmassen oder Gebiete, die seinerzeit noch nicht kartografiert oder beschrieben waren.
Die Bezeichnung findet sich auf alten See- oder Landkarten jener Regionen, die noch unerforscht oder teilweise nur vermutetes Land waren. Auf vielen Karten wurden solche Gegenden mit Drachen oder anderen Fabelwesen ausgeschmückt.
Das bedeutendste Gebiet der Terra incognita war die Terra Australis (incognita), eine große Landmasse auf der Südhalbkugel, die man im Altertum und Mittelalter als Gegengewicht zu den nördlichen Kontinenten postulierte. Der um 1600 von Seefahrern entdeckte Erdteil Australien erhielt so seinen Namen. Andere Teile erwiesen sich als nicht existent oder als Packeis bzw. Küstenabschnitte der Antarktis.
Clements Markham bezeichnete 1883 unbekanntes Gebiet als blank of the maps, das von Sven Hedin mit weiße Flecken ins Deutsche übertragen wurde.
Mit der zunehmenden Erforschung und Kartografierung der Erde verlor der Begriff seine Aktualität und wird überwiegend nur noch in historischem und übertragenem Sinne verwendet. Dabei wird übersehen, dass aber auch heute noch große Teile der Erde nahezu unerforscht sind.
Im übertragenen Sinne steht er auch heute noch für nicht erkundete bzw. erforschte Bereiche der Realität, von deren Existenz man zwar Kenntnis hat oder die man vermutet, aber noch nicht inhaltlich definieren kann. Im Deutschen spricht man auch von (wissenschaftlichem) Neuland.
Terra incognita – mit diesem Ausstellungstitel umschreibt Gabriele Schaffartzik das Neuland entstandener Exponate sowie die noch unbekannten Gebiete des Unterbewusstseins und der Fantasie, welche bei Bildfindungsprozessen immer eine Rolle spielen.
Ihre Bilder sind deshalb gleichnishaft Kartierungsergebnisse geistig-gedanklicher Exploration in die Welt bis dato neuer Gedanken, Gefühle und intuitiver Verknüpfungen.
Die umtriebige Künstlerin wurde 1964 in Bremen geboren, studierte nach ihrem Abitur an der Georg-August-Universitär in Göttingen, sodann in Krakau, Polen, an der Akademie der Schönen Künste.
Sie ist als Malerin Mitglied im Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler, Vorstandsmitglied auf Regionalebene sowie Initiatorin zahlreicher kultureller Initiativen, die sie auch in ihrer großen Zahl nationaler und internationaler Einzelausstellungen und Beteiligungen in verschiedenste Länder trägt.
Die Zahl ihrer Ausstellungen ist groß und vielfältig.
So nahm sie an verschiedensten Ausstellungsprojekten und Symposien in Deutschland, Italien, Ägypten, der Türkei, verschiedenen Balkan-Staaten, Litauen und Indien teil, schon deshalb könnte man sie fast als Sonderbotschafterin der Künste und als kulturelle Gastarbeiterin bezeichnen.
Angesichts heutiger Globalisierung und daraus resultierender standardisierender, gleichmacherischer Tendenzen ist Gabriele Schaffartzik eine geradezu idealtypische Künstlerpersönlichkeit, die mit Vielfalt dagegen arbeitet.
Sie zeigt in ihren Arbeiten, dass Kunst ist nicht eine wurzellose visuelle Kommunikation ist, sondern eine Vielzahl gewachsener und erhaltenswerter künstlerisch-kultureller Sprachen und Identitäten umfasst, die es kennen zu lernen und vor allem zu bewahren gilt.
In ihren Ölmalereien und Mischtechniken auf Leinwand, die größtenteils ein strenges Hochformat charakterisiert, baut die Malerin Gabriele Schaffartzik verschiedenste inhaltliche und formale Ebenen ein.
Geht man auf die Ikonografie ihrer Werke, d.h. auf Bestimmung und Deutung der Motive ein, fallen genaue, im Trompe l’oeil-Prinzip gestaltete Tierdarstellungen auf. Es sind beispielsweise Insekten (Fliegen, Bienen, Schmetterlinge), die vergrößert und übergenau dargestellt sind, so dass man an die Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian denken muss.
Übertragen gemeint geben sich Hase, Fuchs und Igel, Amsel, Fink und Star sowie Klein- und Großtiere des Waldes in den Arbeiten der Künstlerin ein bildnerisches Stelldichein. Sie alle symbolisieren Sinn, Schönheit, Vielfalt und Schutzwürdigkeit der Natur.
Und da sind die kryptischen Schriften, die wie Geheimschriften aus Fantasia der Entzifferung harren. Auch gibt es abstrakte Kürzel, kompositorische Brüche und Multiperspektiven, die nicht nur das Gefundene, sondern auch das Erfundene thematisieren.
Spätestens seit der Kunst der Klassischen Moderne wissen wir, dass Kunst nicht nur bloß Sichtbares zeigt, sondern auch Unsichtbares, die Welt der Emotionen, der Einfälle und Ideen. Biografisches vermischt sich mit Imaginiertem. Häufig tauchen in den Bildern Fragmente orthodoxer Ikonenmalerei auf - stilisierte Landschaften, Tiere, Goldgrund und Gotteshäuser - sicher dem Studium byzantinischer Kunstgeschichte geschuldet. Es mischen sich Gegenwart mit Vergangenheit, unterschiedlichste Kulturkreise mit Tradition und Aufbruch.
Wechsel und Wandel durchziehen ihre Bilder. Diese sind komplex und vielschichtig angelegt wie Webteppiche der Erinnerung an unterschiedlichste Kulturkreise, welche die Künstlerin auf ihren Reisen und Künstlerworkshops im Ausland erkundet und kennen gelernt hat, die sie stets aufs Neue faszinieren.
Es sind Bilder des Eintauchens in eine Welt unterschiedlichster kultureller Vorstellungen und Gegebenheiten, in eine für uns Terra incognita, die uns aber zunehmend vertraut erscheint, wenn wir uns vorurteilsfrei mit ihr und den Menschen befassen. Das ist ein vielschichtiger Erfahrungsprozess und ein Thema für sich.
Natürlich spielt Gabriele Schaffartzik auch mit unseren Erwartungen. Wohl nicht ohne Grund ist der röhrende Hirsch, dieses Symbol des Trivialen, in ihrer Malerei auch ein Motiv des Heimischen und Vertrauten für unsere Augen.
Die Künstlerin lockt uns mit visuellen Erwartungen, lässt uns dann in ihrem Bilderkosmos ins Labyrinth und über die Hürden ihrer Fantasie laufen, denn die Bilder sind keine bloß narrativ zu verstehenden Trivialmythen, sondern subtile Bildwelten ganz verschiedener visueller Erfahrungen.
Auf unterschiedlichste Weise laufen Landschaftliches, Architektonisches, Ausgearbeitetes und Angedeutetes zu einem vielfältigen Beziehungsgeflecht zwischen Mensch, den Dingen, der Zeit und dem Raum zusammen, ergeben mosaikhaft ein Kaleidoskop von Anmutungen, Beziehungen und Bedeutungen.
Das schmale Hochformat der Bilder betont Ausschnitthaftes. Das, was gezeigt wird, verweist gleichzeitig aber auch auf das, was nicht gezeigt wird und von uns Betrachtern ergänzt werden muss. Insofern befassen sich die Arbeiten nicht nur mit dem äußerlich Sichtbaren, sondern auch mit dem Nichtsichtbaren aber Fühlbaren, verweisen darin über das Format über sich selbst hinaus.
Diese feine Bedeutungsnuance zwischen Sichtbarkeit und Sehbarkeit und natürlich auch der Restanteil Bildgeheimnis, ergeben einen ästhetischen hortus deliciarum im Werk von Gabriele Schaffartzik.
Sehr geehrte Damen und Herren, werden Sie selbst zum Erkunder und Erforscher dieser Terra incognita und zwar ohne Wanderkarte, Kompass, Übersetzungshilfe oder beigefügter Gebrauchsanweisung! Dies gelingt immer mit einem offenen und fröhlichen Herzen.
Der Künstlerin wünsche ich viel Erfolg und Nachhaltigkeit bei ihrem Bad Harzburger Ausstellungsdebüt und Ihnen, verehrte Anwesende, eine ästhetische Genussreise durch die heutige Ausstellung.
Hans Manhart