Rede zur Eröffnung der Ausstellung:
"Terra incognita - neue Arbeiten"
Torhaus-Galerie, Göttingen, am 20. April 2018


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gabriele Schaffartzik,
auch ich freue mich, dass Sie heute hier sind, um diese wunderbare Ausstellung von Gabriele Schaffartzik und Alexander Lakhno zu genießen. Und es ist mir eine Ehre, diese Einführung für Dich, Gabriele, halten zu dürfen.
Wir sehen uns einer Auswahl von gut 20 Bildern aus der Serie „Terra Incognita“ gegenüber. Der lateinische Begriff „Terra Incognita“, also „unbekanntes Land“, bezeichnet kartographisch noch nicht erfasstes Gebiet. Wikipedia erklärt uns, dass „die Bezeichnung […] sich auf alten See- oder Landkarten jener Regionen findet, die noch unerforscht oder teilweise nur vermutetes Land waren. Auf vielen Karten wurden solche Gegenden mit Drachen oder anderen Fabelwesen ausgeschmückt.“
Versetzen wir uns nun in die Person eines neugierigen, aber weitestgehend unerfahrenen Ausstellungsbesuchers. Betrachten wir die Ausstellung durch seine Augen und nehmen teil an seinen Gedankengängen bei der Erforschung der Bilder. Der hätte nun einen ersten Anhaltspunkt und würde Ausschau halten nach Fabelwesen oder Drachen, die diese Bilder bevölkern. Tatsächlich findet er auf allen hier gezeigten Exponaten die Darstellung eines Tieres, aber keineswegs eines Fabelwesens, sondern von real existierenden Insekten, Echsen und heimischen Waldtieren.
Diese Tiere sind eingebettet in seltsame Landschaften, sie springen durch grünes Dickicht, schweben vor kargen Gebirgsketten und über Klöstern oder schieben sich durch heimische Gräser und vertraute Blütenrispen. In Teilen sind diese Tiere naturalistisch erfasst, und unser faszinierter Bildbetrachter kann detailgenau die Schuppen der Reptilien oder die Behaarung der Insektenkörper bestaunen. Allerdings verschwindet der Rest der Tierkörper oft im Nebulösen, Unscharfen oder wird verstellt durch seltsame Zeichen, Überlagerung oder Farbspuren.
Unser Bildbetrachter lässt nicht locker, er will es wissen und sieht sich eines der jüngsten Bilder dieser Ausstellung, den Leguan, genauer an. Der Leguan also schiebt sich in eine vielleicht mondbeschienene Landschaft. Der Himmel leuchtet geheimnisvoll rosa-violett, dichter Wald bildet die grüne Kulisse im Hintergrund, und rechts prangt eine Fingerhutstaude; die ebenso giftige wie wirksame Heilpflanze steht in voller Blüte. Alles wird überspannt von einer bunten Lichterkette. Die Verwirrung des Betrachters steigt. Was geht hier vor? Wie passt das zusammen? Zudem versucht er die Schriftzeichen zu entziffern und stößt schnell auf seine Grenzen – denn diese Schrift ist erfunden und damit nur ein gestalterisches Element ohne eigenen Inhalt. Und dann noch die Muster am unteren Bildrand: Das hingekrakelte Haus vom Nikolaus und blau skizzierte Granatäpfel. Unser Ausstellungsbesucher ist hin- und hergerissen zwischen dem Erkennen vertrauter Bildgegenstände und dem Unverständnis, was die Zusammenhänge angeht.
Gabriele Schaffartzik hat also ein Angebot gemacht und möchte anscheinend eine Geschichte erzählen, die der Betrachter aber rein rational nicht sofort verstehen kann. Helfen wir ihm also und stellen ihm eine Fachfrau an die Seite, eine Kunsthistorikerin, die sich kenntnisreich neben ihn stellt und seine Beobachtungen ergänzen kann.
Sie erkennt auf Anhieb, dass die naturalistische Darstellung und die surreal zusammengestellten Bildelemente eine Fährte sind, der der Betrachter willig folgt. Es gibt aber kein übergeordnetes, gültiges Erklärungsmuster für die einzelnen Figuren, auch keine übergeordnete Deutungsvorlage für die Bildhandlung. Damit sind Gabriele Schaffartziks Werke im höchsten Maße moderne Bilder, denn mit Beginn der künstlerischen Modernen entzieht der Künstler sich einem einheitlichen Dechiffrierungscode. Seine subjektive Wahrnehmung der Realität, seine persönlichen Empfindungen und Erfahrungen sind der Maßstab und gestalten das Bild, setzen Assoziationsketten bei dem Bildbetrachter frei.
Der fühlt sich einem Geheimnis auf der Spur: Was macht nachts dieser urzeitlich anmutende Leguan in dieser seltsamen Traumlandschaft? Und wo sind eigentlich die Menschen? Die brennende Lichterkette verweist doch ganz klar auf deren Existenz und die vielleicht nur kurze Abwesenheit des Gartenbesitzers.
Die Kunsthistorikerin, trainiert auf die Analyse von Bildaufbau und Symbolen, lenkt den Blick des Betrachters auf die formalen Zusammenhänge: Er ist der klassischen Leserichtung folgend über den Körper des Leguans als Bilddiagonale in das Bild geführt worden. Farblich korrespondieren die gekonnt akzentuierten Grüntöne des Tieres und die rötliche Zunge mit der Palette des Fingerhuts und mit dem rosafarbenen Himmel bzw. dem grünen Wald im Hintergrund. Diese Komplementärtöne bringen das Bild zusätzlich zum Leuchten und verdichten die atmosphärische Spannung.
Auf der Suche nach Symbolen wird die Kunsthistorikerin sofort fündig und verweist stolz auf den Granatapfel. „Der Granatapfel ist ein Symbol für Leben und Fruchtbarkeit, aber auch für Macht (…), Blut und Tod. In der christlichen Symbolsprache kann der Granatapfel für die Kirche als Ekklesia stehen, als Gemeinschaft der Gläubigen.“ Der Granatapfel in diesem Bild ist aber kaum mehr als eine vage Skizze und ergänzt die anderen graphische Elemente im Bild wie diese geheimnisvolle Schrift, das Nikolaushaus, das Muster am unteren Bildrand, die skizzenhafte Wiederholung des Fingerhuts am rechten und linken Bildrand.
Die rationale Kunsthistorikerin und der neugierige aber unerfahrene Bildbetrachter kommen so nicht weiter. Also tritt mit einer Künstlerin eine weitere Person auf den Plan und begleitet den Ausstellungsbesuch. Sie erkennt auf Anhieb den aus eigener Erfahrung mühsamen, oft langwierigen Gestaltungsprozess. „Ein Geben und ein Nehmen“, sagt Gabriele Schaffartzik selbst dazu. Einer ersten Bildidee und der Umsetzung folgt ein Schritt auf den anderen. In schichtweiser Überlagerung der ersten Skizzen, Ausmalungen, Übermalungen, Hervorhebungen und Verwerfungen entsteht ein komplexer Bildraum, in dem sich auch malerische und zeichnerische Elemente die Waage halten. Wo die reine Lust am Malen ein Element entstehen lässt, muss an anderer Stelle wieder reduziert werden.
Mit Kennerblick kann die Künstlerin die Kampfspuren dieses prozesshaften Malens in fast allen Bilder ausmachen: Sie sieht Reste von Skizzen, Verlaufspuren erster dünner Ölfarbaufträge oder noch gerade zu erkennende übermalte Bildelemente (zum Beispiel den Puppenkopf im 2. rechten Leguanbild).
Unsere mittlerweile dreiköpfige kleine Expertenabordnung sieht sich nun dieses zweite Leguanbild genauer an. Die Farbgebung korrespondiert mit dem 1. Bild, der Leguan betritt dieses Mal spiegelverkehrt von rechts den Bildraum, genauer gesagt schleicht er sich von rechts durch das spitze Dickicht von Sansevieria-Blättern und wird vermutlich gleich das Springkraut im Vordergrund niedertrampeln.
Die Sansevieria ist vielen vielleicht noch aus deutschen Wohnzimmern der 60er und 70er Jahre vertraut, ähnlich typisch wie der Gummibaum der 50er. Springkraut wiederum kennt man als die weit verbreitete Waldpflanze, deren Kapselfrüchte bei geringster Berührung die Samen weit herausschleudern. Sie gilt als Neophyt, also als Pflanze, die sich „ohne oder mit menschlicher Einflussnahme in einem Gebiet etabliert [hat], in dem sie zuvor nicht heimisch [war]“. Das Springkraut ist also eine Pflanze mit Migrationshintergrund und hat damit einen kuriosen und sehr aktuellen Bezug zu aktuellen politischen Debatten.
Unser Besuchertrio ist mittlerweile vollständig in den Bann gezogen, dreht sich um und studiert ein drittes, sehr großformatiges und auch erst in den letzten Wochen vollendetes Bild. Alle drei amüsieren sich über den kühnen Sprung des Wildschweins von rechts nach links über unbekannte grüne Tiefen. Der Kopf und obere Rumpf sind in schon bekannter Manier naturalistisch präzise gestaltet. Der hintere Teil des Körpers ist von einer grünen Zeichenspur umrissen und bricht mit der naturalistischen Darstellung. Das Haus vom Nikolaus, die rätselhafte Lichterkette, die Lilie als Repräsentantin der Blühpflanzen sind unseren drei Bildbetrachtern bereits vertraut.
Neu aber sind zwei einzelne Gestalten in den jeweiligen unteren Bildecken. Für den unbedarften Ausstellungsbesucher wird schnell klar, dass der auf seinem Pferd rasch herangaloppierende Reiter in orientalischem historischem Gewand mit seinem gespannten Bogen geradewegs zum tödlichen Schuss in die Leibunterseite des springenden Schweins ansetzt. Der in Umhang, langen Stiefeln und Hut gewandete Mann unten links dagegen erweckt ganz den Anschein, als sei er mit seinem Jagdvorhaben gescheitert und selbst Opfer des hauerbewehrten Tieres an seiner Seite geworden.
Diese beiden Jäger sind damit die Basis für die Dreieckskomposition, die für ein ausgewogenes Arrangement der Bildelemente sorgt (sagt die Kunsthistorikerin). Formal fallen sie aber durch den kleineren Maßstab, die monochrome Farbsetzung und die Stilisierung auf. Denn sie sind ebenso wie der Baum rechts tatsächlich ein Zitat aus jahrhundertealter französischer bzw. türkischer Miniaturmalerei und bringen damit eine weitere kunsthistorische und formal-ästhetische Ebene ins Spiel.
In einem Austausch der drei Perspektiven der Bildbetrachtung wird klar, dass es keine eindeutige restlose Übersetzung der Bilder geben kann und soll. Jedes einzelne Bildelement hat seinen Ursprung in träumerischen Assoziationsketten der Künstlerin, kein einziges aber erhebt den Anspruch auf eindeutigen Symbolwert für die gesamte Bildaussage. Gemeinsam müssen sie sich allerdings einem harmonischen Farb-, Form- und Stilklang unterwerfen.
Die formale Darstellungen der Landschaft sind der Ikonenmalerei oder der Miniaturmalerei entlehnt und ein symbolhafter Lebensraum für die Akteure im Bild, die Tiere. Die wiederum gestaltet Gabriele Schaffartzik mit Akribie und Hingabe partiell naturalistisch, nur um dann in graphische und abstrahierende Zeichensprache zu wechseln. Wenn man so will, ist ihre Kunst in den Ausdrucksmitteln ebenso vielsprachig wie sie selbst es ist. Und die Bildelemente sind ebenso von kultureller Diversität bestimmt, wie sie es auf ihren zahlreichen Symposien in der Türkei, im Kosovo, in Montenegro, Bosnien & Herzogowina, Serbien, in Litauen oder in Ägypten erlebt. Ihr Malprozess bewegt ist nicht stringent und zielorientiert, sondern intuitiv und suchend. Sie vereint ständig Gegensätze, indem sie Naturalismus und Abstraktion, Fremdes und Vertrautes, Traditionelles und Modernes nebeneinander stellt. Sie verwebt historische, ästhetische und kulturelle Ebenen zu einem Bildteppich und konstruiert damit eine malerische Mehrsprachigkeit, in der jeder etwas für sich finden kann. Der Betrachter darf sich eingeladen fühlen, sich in die geheimnisvollen Bildwelten auf Suche nach Unbekanntem zu begeben und könnte mit seinen Mitteln und seiner Sprache die Geheimnisse auf seine Art deuten.
Imke Weichert